Black Box Theatre

Berührender Besuch der Blackbox Bühne

Manche Zeitgenossen sind ja davon überzeugt, dass es für wirklich kreative Höchstleistungen Limitationen braucht. Frei nach dem Motto: Urassen kann jeder, mit wenig Mitteln Großes zu schaffen, dafür braucht es Kreativität. Zweifellos: Die Pandemie hat uns alle limitiert, nicht nur in der persönlichen Freiheit und in den sozialen Kontakten, hart getroffen wurden natürlich vor allem jene Bereiche, die für Home Office und Distance Working allein schon deshalb nicht geeignet sind, weil das Publikum per definitionem erst die Voraussetzung für das eigene Schaffen bietet – wie insbesondere Opern und Theaterhäuser.

Und dennoch: Not macht offensichtlich außerordentlich erfinderisch, wie zuletzt das Volkstheater mit TAUSEND WEGE – Ein Telefonat und mit Blackbox eindrucksvoll bewiesen hat. Während das eine Stück das Theater per Telefon-Einwahl nach Hause geholt hat, um im zufällig zusammengewürfelten Zweiergespräch, besser vielleicht sogar Dreiergespräch – wenn man die automatisierte Computerstimme dazu rechnen darf – ein höchst individuelles Theatererlebnis ermöglicht hat, lässt Blackbox mit einem ungewöhnlichen Konzept im wahrsten Sinne aufhorchen: Im “Phantomstück für Einzelpersonen” gewähren eine Art Audioguide und ein Audiowalk einen einzigartigen und unvergesslichen Blick hinter die Kulissen des frisch renovierten Volkstheaters.

Durchaus explosive Requisitenmanufaktur.

Radiomacher verweisen ja gerne auf die Vorzüge des eigenen Mediums als “Theater im Kopf”, aber was ist denn die passende Metapher, wenn man mit “Radio im Kopf” durch das eigentliche Theater geführt wird? Zu attestieren ist dem Erlebnis jedenfalls: Die Intimität und die Magie von Stimmen mit Soundeffekten vereinen sich hier kongenial zu einem sehr besonderen Erlebnis und erlauben dabei, höchst subjektiv in sämtliche Rollen zu schlüpfen, die Theater vor allem im synchronen Zusammenspiel so großartig machen.

Einmal stehen auf jenen Brettern, die die Welt bedeuten.

Vom persönlichen Besuch hinter dem Fenster des Ticketschalters über dramaturgische Vorbesprechungen, bei denen man Mäuschen spielen darf, den Besuch in der Maske (nicht zu vergessen den Besuch der Toilette) vor dem großen Auftritt,  und den Kostüm- und Requisitenraum bis zu den Heizungsrohren der „technischen Eingeweide“ und dem Inspizieren der Drehbühne sowie des durchaus beengten Souffleurkastens unter der eigentlichen Theaterbühne: Immer wieder darf man den Gesprächen um einen herum lauschen, während man die rund 850 Meter in 85 Minuten hinter sich bringt, bei denen man höchstpersönlich – und ganz allein – im Fünfminutenabstand jene Bretter betreten darf, die bekanntlich die Welt bedeuten. Und auch hier spielt das Volkstheater sozusagen “alle Stückln” und vergisst weder auf die Special Effects (Nebel!), noch auf den Applaus, den man gerne über sich ergehen lässt (Regieanweisung: Lächeln!), bevor man vertrautere Gefilde betritt und im Zuschauerraum landet. Ach ja, der Besuch des VIP Bereichs und der “Bürgermeister”-Loge dürfen natürlich auch nicht fehlen.

Vertraute Gefilde: Publikum spielen.

Ganz am Ende spielt man sogar noch mal kurz Autor und entdeckt dabei unerwartet eine wichtige Eigenschaft für gelungene Theaterarbeit, nämlich jene des Voyeurs. Misst man Theater auch an der Wirkung, wie sehr man nach dem Besuch die Welt mit anderen Augen sieht, dann darf ich attestieren: Ich sehe heute nach Besuch dieses Weltstücks das Theater mit anderen Augen. Diese in der Pandemie aufgefundene Blackbox von Stefan Kaegi von Rimini Protokoll gibt alles preis, was Theater auch nach dem “Seuchencrash” so besonders macht – eine perfekte Synchronisation, oft ganz subjektiv genial und mit einer Erkenntnis: Theater ist eben so viel mehr als Bühne. Schauen Sie sich das an, besser: Hören Sie sich das an. 

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