Die Sender am Bisamberg sind weg

Sternzeit 2010. Liebes Logbuch. Die Sprengung der Sender am Bisamberg hinterlässt mich nachdenklich und ambivalent zugleich. Ist heute wirklich eine Rundfunkära zu Ende gegangen?

Ich halte mich für verhältnismäßig radioaffin, um nicht zu sagen -besessen, insbesondere im Vergleich zu meinen Altersgenossen. Dennoch: Vermutlich habe ich mich in meinem Leben vielleicht fünfmal auf die Mittelwelle verirrt. Diese Ära ist tatsächlich schon längst vorbei.

Vor diesem Hintergrund kann ich mir das Drama um die Sprengung und damit finale Beseitigung der Sendemasten nur mit ausgeprägter Nostalgiefähigkeit altvorderer Radiomacher und -hörer erklären. Freilich ist das zu respektieren. Auch wenn die Sprengung der Sender eine Standortentscheidung und keine Entscheidung gegen einen Frequenzbereich war: Würde Mittelwelle noch wirklich in einem relevanten Ausmaß genutzt werden, würde wohl niemand über eine Beseitigung der Masten nachdenken.

Die rhetorisch zugespitzt Frage lautet daher: Ob Vertreter meiner Generation auch mal ähnlich bitter Tränen vergiessen werden, sollte UKW auf politischen Wunsch abgedreht werden? Irgendwie schwer vorstellbar. Sollte etwa je in einer Alle-Medien-on-demand-Welt (theoretisch ja denkbar, selbst mittelfristig aber unwahrscheinlich) der Sender am Wiener Kahlenberg eines Tages nicht mehr benötigt werden, wären vermutlich eher die Erinnerungen ans Fernsehen die tragende Säule („Weisst du’s noch, damals die Nachrichtensendung um halb Acht?“). Auch das hat Symbolkraft: Mit den Sendern Bisamberg ist jedenfalls ein Radio-only Sender beseitigt worden.

Weitere Frage: Kann man Mittelwelle unter Umständen als erstes Hörfunk-Opfer des Internets bezeichnen? Auch wenn ein unmittelbarer Zusammenhang nicht nachweisbar ist, inbesondere die internationale Empfangbarkeit von Streamingangeboten hat sich wohl auch aufgrund des im Vergleich durchaus kostspieligen Sendebetriebs von Mittelwelle-Sendern als gute Alternative etabliert. (Wenn ich richtig informiert bin, ist bei Mittelwelle-Sendern der ganze Mast die Antenne und muss dafür erst mal in Schwingung versetzt werden.)

Sinnliches Erlebnis und aufschlussreiche Erkenntnis zugleich war, wie (gefühlt) verblüffend lang der Schall benötigte, um nach der „sichtbaren“ Sprengung die Ohren zu erreichen. Fast wie…ein Echo aus der Vergangenheit.

Noch einige Randbemerkungen zur verbleibenden Medienwelt:

– Aufschlussreiche Beobachtung der Twitterwelt: Die Kür guter PR bei unvorhersehbaren Ereignissen ist wohl, live zu reagieren. Ein eigener Tweet der Verantwortlichen wäre ein ideales Medium gewesen, zeitnah die Interpretationshoheit aufrecht zu halten.

Die Information über die Gründe für die Verzögerung der ersten Sprengung (ein Anrainer hatte sich angekettet in seinem Garten) überließ man lieber andern (meiner Erinnerung nach war übrigens beeindruckenderweise ein Tweet mit Verweis auf das nicht-kommerzielle Radio Orange unter den Ersten).

– Bis 12.30 Uhr abseits von Twitter Gründe für die Verzögerung rauszufinden, war so gut wie unmöglich, auch Berichterstattung beanspruchende Radioprogramme blieben hier Informationen schuldig.

– tw1 hat völlig versagt. Die an sich lobenswerte Idee der Live-Übertragung hat den Sender angesichts der durch den Anrainerprotest um rund 40 Minuten verzögerten Sprengung völlig überfordert. Es muss ja nicht gleich der Live-Reporter vor Ort sein, aber dass weder via Teletext noch durch Einblendung informiert wurde (sondern unkommentierte Landschaftsbilder abgespielt wurden), ist eines öffentlich-rechtlichen Senders unwürdig.

– Die dann zeitgerechte Zuschaltung der Live-Bilder insbesondere von der ersten Sprengung waren schlechter als von einer billigen Webcam. Siehe nun die Bilder hier und hier.

– Beeindruckend waren aber jedenfalls die historischen Bilder auf tw1 von der Inbetriebnahme des Senders in den 1930er Jahren: Gemessen an der Anzahl der noblen Karossen war der Start am Bisamberg wohl ein echter Staatsakt. Heute wohl nur mehr schwer vorstellbar, nicht mal der Start von Privatradios erfuhr meiner Erinnerung nach eine vergleichbare Aufmerksamkeit.

UPDATE:

Nachbericht von Hans-Peter Lehofer hier, am ORS-Blog und von Alpine Energie WorkLife.

Launig-nüchtern Gröbchens Glosse in der PresseAmSonntag vom 7. 10. 2010.

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