Ein elektronischer Brief vom Nordkapp MS Nordnorge, April 2000

Von einer anderen Welt schreibe ich heute, von einer Welt jenseits des nördlichen Polarkreises. Hierher verschlagen hat mich unbändige Lust auf Ungewöhnliches. Dort wo normalerweise Abenteurer ihren Ausgangspunkt für Reisen in die Arktis haben, befahre ich auf einem Schiff den alten Postweg von Hafen zu Hafen, vorbei an Gletschern, die in ihrer machtvollen Weißheit aus dem schwarz-blauen Meer ragen, ich bereise die norwegische Küste, die keine Ende zu haben scheint, hinauf bis zum Rande Europas, der gleichzeitig das Ende der Welt sein könnte.

Wenige Häuser, die sich in ihrer verschneit-erdigen Buntheit rund um holzerne Kirchen sammeln, und wie sie wohl nur hier zu finden sind, empfangen immer wieder meinen Dampfer auf seiner Fahrt gen Norden. Nur der Seeweg scheint dabei diese Dörfer an der Küste Nordnorwegens zu verbinden. Dieser Planet zeigt sich von einer ungewöhnlichen Seite, bei Minusgraden und an Tagen, die nicht beendet werden. Die Sonne, zu dieser Jahreszeit ein rastloser Begleiter, scheut die Ruhe. Nur um Mitternacht verschwinden die wärmenden Strahlen, und nur kurz erlischt das Dimmen, um die Tage von einander zu trennen. Eine Frage von Wochen, und nur Seefahrer werden dann die Nacht vom Tag unterscheiden können. Das ist hier nicht immer so: Bewohner dieser Gegend erzählten mir, dass sie zur Winterszeit nur eine Stunde Sonnenlicht erleben.

Gedanken überwinden Limitierungen, genußvolle Standortbestimmung in diesem Universum, neugieriges Bereisen erhebt sich zur Berufung. Hier in dieser Einsamkeit in Nordnorwegen, wo die Menschen vom Fischfang leben, wird das Vertraute zum Abnormalen. Sicheres Navigieren moderner Schiffe läßt die Witwenrate sinken. Fischkutter ersetzen das Auto. Das Flugzeug wird hier zur Ambulanz, Blinddarm bei gefrorenen Startbahnen kann das Leben kosten.

Die Hohe See wird mir einmal mehr zum Freund. Das Leben an Bord gestaltet sich komfortabel. Globales Recht zu lernen offenbart sich als Grenzsprengung im Kopf. Sprachenvielfalt läßt Ostern zum Pfingsterlebnis werden. Der Blick aus dem Bullauge auf den realen Horizont, dort wo andere Schiffe das blaue Aufeinandertreffen von Himmel und Wasser entschärfen, erlebe ich inspirierende Grenzenlosigkeit. Die schneidig-frische Brise, wie sie hier über das Meerwasser streicht, das der wärmende Strom aus dem Südwesten vor dem Erfrieren rettet, läßt sich in ihrer Sinnlichkeit nur dürftig vermitteln. Festgehaltenes Licht wird folgen, um die sprachlichen Beschränkungen zu entlarven. Inspirierende Sprachverspieltheit erlaubt ein fröhlich-bescheidenes Schöpfen aus verbaler Fülle, an dem Auserwählte teilhaben sollen…

F. (vom Bord der MS Nordnorge)


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