Apr 14 2012

Heller Wahnsinn

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Ich gestehe: Mein Motiv, André Hellers Biographie zu lesen, lag in der Wertschätzung für den Autor des Werkes und nicht in der Sympathie für den Porträtierten.

Seit ich mich erinnern kann, erlebte ich André Heller als selbstverliebten Selbstdarsteller, mit einer Singsangstimme, die mich nicht berührte, um nicht zu sagen, die mich nervte. Ein Wichtigtuer, ein raunziges Wienerkind seiner Zeit, Profiteur und selbstgefälliger Politikkommentator einer sich etablierenden Massenmediengesellschaft, dessen Verdienst es war, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Die Lektüre von Christian Seilers “Feuerkopf. Die Biografie” hat mich geläutert: André Heller zu lesen, ihn verstehen zu lernen, ist auf eine Atem beraubende Weise inspirierend, ist ein Blick auf einen kreativen wie anspruchsvollen - ich bin verleitet zu sagen - dramaturgischen “Strippenzieher” der Nachkriegsgeschichte, dessen Wirkungsmacht sich über Europa, Indien, Asien, auf Afrika und Nordamerika erstreckt. In diesem Ausmaß war mir das bis vor kurzem nicht klar.

Drei Themen, die mich - ganz subjektiv - besonders beeindrucken und beschäftigen:
- André Heller zeigt die Kraft und das Potenzial, wie viel eine Einzelperson bewegen, verändern, organisieren - ganz österreichisch formuliert - “aufstellen” kann. Er schlüpft im Laufe seines abwechslungsreichen Lebens auf eine fast märchenhafte Weise in so viele Rollen, das man glauben muss, es reicht zu beschließen, dass man was kann. Im Unterschied zu vielen anderen “kann” er wirklich. Seien es schwimmende Riesen aus Bambus in den Hafen von Hongkong zu zaubern, sei es, indisches Tanztheater für einen Tag zu inszenieren, Broadwayaufführungen in New York zu verantworten, künstlerisch anspruchsvolle wie vergnügliche Familienrummelplätze in Hamburg zu organisieren, Interventionen in Gartenanlagen zu setzen oder berührende Filme als Zeitgeschichtsdokument zu drehen. Freilich: Ohne die vielen Helferlein ginge auch bei Heller nichts, aber auch die gilt es zu ermächtigen, zu befähigen und zu koordinieren. Und das eben nicht nur einmal.

- Wie ein roter Faden zieht sich sein Versuch einer Verbindung aus Kunst und Massenattraktivität, einer Verschmelzung von Kultur und kommerziellem Erfolg durch sein Leben. Das macht ihn in den Augen vieler verdächtig, wie Christian Seiler an mehreren Stellen diagnostiziert. Hellers Bemühen um eine Symbiose aus zwei Welten, die bekanntermaßen nicht unbedingt widersprüchlich sein müssen, halte ich für Hellers großes Verdienst. Das Buch zeigt auch die Schattenseiten auf: Der Preis ist wohl im Erfolgsfall Neid und gleichzeitig von den dogmatischen Vertretern der reinen “Kunst”-Lehre Unverständnis und Entzug der Anerkennung.

- Opfer der eigenen Vorurteile zu sein, empfinde ich als aufwühlend. Wie kann es sein, dass Image, Eindruck und das durch eine Biographie vermittelten Bild so stark auseinander klaffen, wie es bei mir der Fall war? Christian Seiler hat sprachlich versiert ein genaues, spannendes Portrait gezeichnet, das bei aller spürbaren Sympathie für den Protagonisten die kritische Distanz nicht missen lässt. Mir zeigt es, dass ich mich in André Heller getäuscht habe, er hat nun Eintritt in mein virtuelles Helden-Walhalla gefunden. Dass dafür erst der vertiefende, verweilende Blick zwischen zwei Buchdeckel notwendig war, bleibt unbefriedigend.

Die tröstende Erkenntnis: André Heller hat in einem Unrecht. Die wahren Abenteuer sind nicht im Kopf, sie sind das Leben. Bei André Heller ist das Leben ein Kunstwerk, in dem nichts ist, wie es scheint. Womit sich der Kreis wieder schliesst.


Dez 9 2011

Das Buch Job(s): The Journey is the Reward

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Die Biographie von Steve Jobs erzählt ein modernes Märchen - wären nicht zwei Einschränkungen zu formulieren: Die Identifikation mit dem Helden fällt einem schwer. Und: Das Happy End bleibt aus. Leider.

Das Leben des Apple Gründers verfügt über alle Zutaten, die einem filmreifen Leben die richtige Würze geben. Zur Adoption frei gegeben, als - wie man in Österreich sagen würde - bloßhapperter Studienabbrecher und Hippie in jungen Jahren auf der Suche nach innerer Erleuchtung auch in Indien unterwegs, ist er zeit seines Lebens als eine Art Mischung aus Künstler und “Businessman” unerbittlich einer Vision verpflichtet, die erst nach vielen Niederlagen und Rückschlägen zur wirklichen beruflichen Kür wird. An seinem viel zu frühen Lebensabend darf er im vollen Bewusstsein erleben, dass sein von ihm gegründetes Unternehmen zu den wertvollsten der Welt zählt.

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Vorausschicken möchte ich: Ich bin kein Apple Glaubensanhänger der ersten Stunde. Im Gegenteil: Mich hat Windows quasi sozialisiert. Vieles von Apple hielt ich jahrelang für einen “Schmäh” und eine Art Dünkel. Ausschlaggebend waren wohl der höhere Preis und die weniger leicht verfügbare Software (ja, ja). Die Grabenkämpfe zwischen Apfel und “Dose” amüsierten mich, auch wenn kein Zweifel bestand, auf wessen Seite ich stand. Heute bereue ich das fast ein wenig. Nach der Lektüre von Steve Jobs Biographie (Walter Isaacson, 2011) sehe ich die Geschichte von Apple - und damit wohl auch des Personal Computings im eigentlichen Sinn - mit anderen Augen. Vor die Wahl gestellt ist man ja im Nachhinein bevorzugt auf der Seite der historischen Revoluzzer. Ich war es nicht. Mein Wechsel folgt erst vor rund drei Jahren, ich habe ihn nicht bereut.

Die Geschichte über Steve Jobs wühlt auf, verstört und ist zugleich unheimlich lehrreich - insbesondere was Unternehmertum abseits der klassischen Lehrbücher betrifft. Erste persönliche Lektionen für mich sind:

1. Im Vordergrund stand für ihn glaubwürdig nie das Streben nach Profit. Jobs hatte eine Idee, besser: eine Vision. Nämlich an der Schnittstelle zwischen Kunst und Technologie Werkzeuge zu schaffen, die das Leben einfacher (und die Welt besser) machen. Wichtige von ihm definierte Anforderung: Hard- und Software im perfekten Zusammenspiel als unschlagbare Kombination. Freilich bilden laufende Gewinne die Voraussetzung, um das aufzubauen.

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2. Steve Jobs war wohl ein Narziss, dessen Fähigkeit zur Empathie mehr als eingeschränkt war. Seine Art Menschen zu führen, war teilweise unerträglich und menschenverachtend. Warum hatte er dennoch Erfolg? Starke Visionen, auf die er einschwören konnte, und Anerkennung für jene, die geblieben sind, dürften einiges wett gemacht haben. Und: Im Gegenzug ließ er Kritik und Widerspruch zu, damit hielt er eine gewisse Augenhöhe mit jenen Mitarbeitern, auf die er große Stücke hielt.

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3. Er war ein “gewöhnlicher Kerl” im positiven Sinn. Vergleichsweise bescheiden, geerdet und verdammt nah an den Produkten und Services seiner Firma - auf der konsequenten Suche nach Vereinfachung. Auch wenn diese “Nahbarkeit” aus Anekdoten von emails direkt an ihn, die er persönlich beantwortete, bekannt war, überrascht mich das Ausmaß dann doch. Meine These: Den Nokia Verantwortlichen und Sony Chefs waren und sind seit vielen Jahren ihre Produkte relativ egal, leider merkt man das.

4. Von Steve Jobs lernen, heißt auch zu lernen, wie viel eine Einzelperson bewegen kann. Wichtige Eigenschaft: Fokus, Fokus, Fokus. Und: So absurd es klingen mag, aber seine oft sehr verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit dürfte ein wesentlicher Erfolgsfaktor (und Energiespender) auf seinem Lebensweg gewesen sein. Traurige Ironie dabei ist, dass sie ihm bei seiner Krankheit wohl zum Verhängnis geworden ist.

5. Wer glaubt, Steve Jobs war in erster Linie auf die Marke fixiert, irrt. Sein Fokus war - auch ausdrücklich im Unterschied zu selbsternannten Entrepreuneren, “die nur wieder rasch verkaufen wollen”, eine langfristig erfolgreiche Unternehmensorganisation zu schaffen und - über seinen Tod hinaus - zu etablieren. (HP war ihm dabei abschreckendes Beispiel.) Der von ihm identifizierte Schlüssel: Das erfolgreiche Rekrutieren von Talenten. Auf einem anderen Blatt steht im Umgang mit Menschen seine verblüffend vereinfachende Einteilung in “Shitheads” einerseits und Genies andererseits.

6. Historisch erhellend war für mich das enge Verhältnis zwischen Bill Gates und Steve Jobs bereits seit jungen Jahren. So unterschiedlich die beiden Charaktäre sind, so ähnlich verlief deren berufliche Laufbahn mit allen - gewissermaßen komplementären - Höhen und Tiefen. Nachlesenswert.

7. Wenig überraschend: Seine Liebe zum Design als Alleinstellungsmerkmal der Apple Produkte, aber auch als - vom Mitbewerber bei zahlreichen Gelegenheiten unterschätzte - Voraussetzung für nachhaltigen Erfolg der Produkte. Wer die Ausführungen liest, sieht nicht nur Apple Produkte noch mal mit anderen Augen, sondern unterschätzt die Bedeutung von Design nie wieder. Die Schattenseite kommt auch im Buch nicht zu kurz: Die nur widerwillige Bereitschaft, “Fremdes” auf den eigenen Geräten zuzulassen, auch um die Simplizität zu wahren, führt zu geschlossenen Systemen und Kontrollwahn. Gut gemeint ist halt nicht selten das Gegenteil von gut.

8. Ein tröstender Schlüsselsatz im Buch, den ich mir ins Stammbuch schreibe, auch weil er viel treffender ist als “der Weg ist das Ziel” lautet:

The journey is the reward.

Written on my iPad.


Okt 1 2011

Hört die Signale: Werbung ist auf den Hund gekommen

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Ein Artikel in der Financial Times (FT) vom Wochenende macht im wahrsten Sinn des Wortes hellhörig: Nestlé - “the world’s biggest food company - hat eine neue Zielgruppe für seine Fernsehwerbung entdeckt: Hunde. Die speziell gestalteten Spots kommen mit Hochfrequenztönen und versetzen den Hund in einem Ausmaß an Raserei (”frenzy”), so dass Herrl und Fraul sofort loslaufen, um das Futter zu erwerben…

Wo die Spots ausgestrahlt werden?

Laut FT im österreichischen Fernsehen in der kommenden Woche…

Aufschlussreich wird sein, ob diese Information nur Hunde hören können.
Laut § 31 (2) Audiovisuelles Mediendienstegesetz (AMD-G) sind “unter der Wahrnehmungsgrenze liegende audiovisuelle kommerzielle Kommunikation sowie vergleichbare Praktiken” nämlich untersagt. Eine vergleichbare Bestimmung findet sich in § 13. (1) ORF-G.

Ob der Teletest die neu entdeckte Zielgruppe erfassen wird, ist dem Artikel nicht zu entnehmen.


Jan 17 2011

Ex (e-)Libris: Meine unendliche Odyssee zu elektronischem Lesestoff

Die hohe Weltliteratur ist bekanntermaßen an Geschichten über hindernisreiches Reisen nicht arm: Aber wer sich heute ein aktuelles deutschsprachiges E-Book gegen Entgelt im Ausland auf sein iPad runterladen will, erlebt einen facettenreichen Hürdenlauf, der die Geschichte von Odysseus - zumindest vorübergehend - als spontanen Weekend-Trip erscheinen lässt.

Hochtrabende Worte? Nein, ein ernüchternder Erfahrungsbericht.

Die Idee, die gesamte Urlaubslektüre in ein nicht mal DinA4 großes Lesegerät hineinzupacken, ist wohl vor allem für jene verführerisch, die wegen dicker (und vieler) Schwarten schon mal mehr für Übergepäck zahlen mussten als der Lesestoff neu kostet. Ein weiterer Vorteil: Spontane Leselust auf bestimmte Buchtitel lässt sich auch mit den Füßen im Sand bedienen (solange man online ist). Theoretisch.

Die Praxis zu Beginn des Jahres 2011 schaut anders aus: Während das bei englischsprachigen Büchern tatsächlich kein Problem ist, wird man auf der Suche nach käuflich zu erwerbenden deutschen Titel bald stutzig. Weder iBooks von apple, noch amazons Kindle-Store noch Google-Books helfen weiter, haben’s im Repertoire oder gewähren Zugriff. (Der Suchmaschinengigant gerne unter Verweis auf lokale Rechte.)

Eigenartig erscheint das, sind die Bücher in deutscher Sprache in elektronischer Form nämlich sehr wohl verfügbar. Findet man die Bücher endlich bei einem alternativen Online-Buch-Händler, registriert sich dort, hinterlegt seine Kreditkartendaten, dann, tja, dann geht der Hindernislauf erst richtig los.

Ohne auch nur ansatzweise im Vorfeld auf mögliche Probleme hinzuweisen (nachdem das Lesegerät auch Bestellgerät ist, wäre das technisch maßgeschneidert ohne viel Aufwand lösbar), nimmt die bekannte österreichische Buchhandelskette meine Bestellung und Zahlung unkompliziert entgegen, das bestellte Buch wird als Downloadlink bereitgestellt. Es lässt sich am iPad aber nicht runterladen. Es lässt sich nicht öffnen. Es erfolgt kein Hinweis.

Ein erstes Ausweichmanöver auf den Laptop vom iPad-Hersteller gestattet dann zumindest den Download. Man hat ja was gezahlt und auch in einer virtuellen Welt will man gefühlt was in Händen halten (= auf der Festplatte speichern).

Nur:
Öffnen lässt sich das Buch-File nicht. Mit keinem Programm. Neuerliches Durchstöbern der Buchhändler-Seite lässt als Motiv für einen Link zu einem Software-Hersteller die Vermutung aufkommen, hier findet man das entsprechende Programm zum Öffnen des ebooks. Überraschung! Der Download gelingt nicht. Zweites Ausweichmanöver im Rahmen des ersten Ausweichmanövers: Erst ein alternativer Browser entpuppt sich als gute Idee. Programm geladen, Registrierung mit Email und Passwort hinterlegt, Buch lässt sich öffnen. Aber: Am Laptop lesen? Das war nicht der Vater des Gedankens.

Naheliegende Schlüsselfrage: Wie bringt man nun das Buch auf das iPad? Naheliegende Antwort am Weg zur finalen Antwort: Die grosse bunte Suchmaschine muss herhalten und liefert nach Strapazen eine Perspektive. Eine weitere App aufs iPad, neu registrieren, auf der Website des App-Herstellers das Buch uploaden, am iPad die Daten des Buchleseprogramms (!) hinterlegen, in der App das Buch wieder runterladen.

He, das war doch nicht kompliziert, oder? Dreimal bei unterschiedlichen Anbietern die Email-Adresse hinterlegt, um ein Buch zu lesen.

Die Lektion von der Geschicht: Lese deutsche Bücher nicht (elektronisch).

PS. Das Gute ist, die neue Buch-App. hat einen Book-Store integriert. Warum es meine Kreditkarten nicht nimmt? Man erfährt es erst, wenn man googelt: Das geht ausserhalb Deutschlands nicht.