Der Novak fährt nach Amerika und kauft sich ein Buch – im Laden von amazon  

Es gibt so Wetten im Leben, über die ich froh bin, sie nie eingegangen zu sein. Eine davon: Dass amazon im echten Leben eine echte Buchhandlung aufmacht, hätte ich für beinahe denkunmöglich gehalten. Umso interessanter für mich, nun die Gelegenheit zu nutzen, einem der ersten von acht amazon Bookstores in den USA am Columbus Circle in New York eine Stippvisite abzustatten und der Frage nachzugehen: Was macht eine data-driven Company wie amazon anders, wenn sie in die Domäne jener eindringt, die sie – wie manche Kritiker monieren – zuvor erfolgreich vom Markt verdrängt hat, namentlich in den stationären Buchhandel? Gesetzt ist: Bei aller Wertschätzung für analoge Bücher, das einzelne Produkt ist im Sortiment eines Buchhändlers grundsätzlich austauschbar – glücklicherweise kann jeder Händler theoretisch jedes Buch anbieten. Echte Wettbewerbsvorteile bietet – wegen der Buchpreisbindung außerhalb des deutschen Sprachraums – vordergründig womöglich der Preis.

Umso größer die Überraschung: Ganz subjektiv drängt sich nämlich für mich die Vermutung auf, amazon hat sich mehr Gedanken gemacht, wie sie gegenüber dem eigenen Online Store einen Mehrwert bieten als gegenüber anderen Buchhändlern, ohne dass der Preis zum Differenzierungsmerkmal wird.

Der Schlüssel des Konzepts ist sicherlich der Versuch, Schlussfolgerungen aus dem Nutzerverhalten einem Kuratieren der feilgebotenen Bücher zu Grunde zu legen, wie ich es zumindest in vielen Fällen online nicht kenne:
Eines der ersten Regale, das einen „anspringt“, sind Bücher mit besonders hohen bzw. auch besonders vielen Bewertungen.


Spannend auch „the most-wished-for books“, somit ein verlässlicher Griff zu wahrscheinlich guten Geschenken.


Das gibt es auch für Reisende.


Wer nun bereits beginnt, seine Kritik gedanklich zu formulieren, dass damit Langeweile bei der Auswahl vorprogrammiert ist, für den bietet amazon auch ein Anwort: Hotly debated books.


Für mich persönlich allerdings kein relevantes Kriterium, aber die Kontroverse zieht immer.

 

Originell auch: If you like…auf echt

Das finde ich einen echten Mehrwert. Auf einen Blick kann man mit freiem Auge scannen, ob einem Buchtitel vertraut sind und sich von dazu passenden inspieren lassen. Meiner Meinung nach, wie heißt es so passend, IRL (in real life) eine echte Bereicherung.

Bei jedem einzelnen Produkt steht eine ausgewählte amazon Kritik.

Durchaus auch mit einer raffinierten Gewitztheit bei Kinderbüchern handgeschrieben. Ich vermute mal, da war schon mal die eine oder andere Schulklasse zu Gast.

Wirklich mühsam ist jedenfalls die Preisbeschilderung: Die findet nämlich nicht statt. Die Idee ist offensichtlich, entweder zu einem der wenigen Scanner quer durch den Laden zu gehen, oder dass man mit der eigenen App laufend die Preise scannt. Fortschritt sieht anders aus. Garantiert wird, dass  dabei der idente Preise wie online verechnet werden – vermutlich dem tagesaktuellen amazon Preisalgorithmus entsprechend. Und hier gibt es auch gleich mal die eine oder andere Überraschung: Wirklich günstig ist der Einkauf nur für amazon prime members. War man das bisher nicht, wird man das vermutlich spätestens im Laden. Smart kalkuliert ist dieser Faktor wohl Teil des Preisalgorithmus. Übrigens kann man auch unter Verweis auf seine eigene amazon Mitgliedschaft per app (und Scan) an der Kassa zahlen (quasi checkout in echt). Das klappt selbst für europäische Kunden, die allerdings auch noch die eigene Kreditkarte benötigen.

Was ist mir sonst noch aufgefallen: Eine relativ überschaubare Anzahl an Personal. Die Buchhandlung wird mit einem austauschbaren Middle-of-the-Road Radioformat beschallt, ganz ohne Wort und Branding. Audible spielt damit im Store faktisch keine Rolle, allerdings z.B. auf der Papiertasche mit den „Top-Ten“ der Hörbücher sehr wohl. Alexa, aber auch andere Elektro-Utensilien (wie bose Kopfhörer) nehmen einen relativ großen Platz ein. Originellerweise gibt es sogar die eine oder andere Vinylplatte.


Summa summarum: amazon kocht hier auch nur mit Wasser, allerdings mit smarter Würze, generiert und garniert aus dem eigenen Haus auf Basis user generated online curation. Nichts, was nicht auch jeder andere Buchhändler grundsätzlich ähnlich gut umsetzen könnte, weil viele – wenn auch nicht alle – Informationen öffentlich verfügbar sind. Was dabei spürbar fehlt, ist – eh klar – jede Form einer individuellen Note eines Buchhändlers. Den wirklich überraschenden, maßgeschneiderten und individuellen Buchtipp darf man auch hier jedenfalls nicht erwarten. Ebenso wenig den noch unbekannten Geheim-Tipp. Die Tatsache, dass damit ein Online-Riese allerdings einen weiteren Schritt zur lesenden Kundenschar macht, finde ich grundsätzlich positiv. Der Preis, den wir dafür zahlen, wird man noch sehen. Aber auch davon wird zu lesen sein.

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.