Eine Idee, die nicht gehört gehört: Mein Jahr mit Tonio

Am Anfang war die Idee – und eine Frage: Was wäre, wenn das Radio live, direkt und für uns nicht hörbar mit dem Smartphone kommunizieren könnte? Heute ist diese Idee Wirklichkeit und das Kind hat einen Namen. Über mein erstes Jahr mit Tonio, der unbescheidenen Vision für einen weltweiten Standard und der Traum von damit verbundenen, unendlichen Möglichkeiten.

Bei vielen Präsentationen über mein neues Startup in den vergangenen Monaten verwende ich gerne als Einstieg die Visualisierung eines Handys, das aussieht wie ein Schweizer Messer.

Es steht für mich stellvertretend für das beglückende Erlebnis als Kind, dem Taschenmesser mit den markant roten Ober- und Unterteil neue, oft ungewöhnliche Funktionen entlocken zu dürfen. Ähnlich geht es wohl vielen von uns mit dem eigenen Smartphone.

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Ob als Maßband, als um die eigene Achse rotierende Kamera, als Musikerkennungsdienst oder als Lesegerät für ungewöhnliche Strichcodes – den Möglichkeiten scheinen wenig Grenzen gesetzt, viele Funktionen vom ursprünglichen Erfinder oft gar nicht intendiert, im positiven Sinn zweckentfremdet. Das Smartphone lehrt uns immer wieder neue Funktionen. Die wichtigste und zugleich entscheidendste ist es, verbunden zu sein: Ob über Wifi, Bluetooth, im Mobilfunknetz oder künftig sogar über iBeacons, sie alle bilden eine Nabelschnur zu mehr.

Tonio stellt eine Verbindung zwischen dem Radioprogramm und dem Handy her. Damit das Handy das Radio versteht. Und zwar über das Mikrofon. Wichtige Anforderung dabei ist, dass der Radio-Programmfluss nicht gestört wird, die zu übermittelnde Information also kein störendes Geräusch auslöst und dass es – die Kür bei Hörfunk – auch live und jederzeit integrierbar ist. All das kann Tonio. Wie wir das technisch gelöst haben, bleibt bis auf weiteres ein Geheimnis, ein Geschäftsgeheimnis sozusagen. Eventuell lüften wir das Geheimnis auch mal, bis dahin kann ich aber drei nicht ganz unwesentliche Hinweise geben: Die enorme Herausforderung ist, dass die im Ton zu übermittelnde Information vom Übertragungsweg unabhängig ist, dass sie also auf jedem Übertragungsweg funktioniert, egal ob UKW, DAB+, Webstream oder Radio über Satellit. Das haben wir ausführlich getestet und zufrieden festgestellt, dass das der Fall ist. Außerdem ist es wichtig, dass die Information dem Soundprocessing von Radiosendern nicht zum Opfer fällt. Beim Soundprocessing werden in der Regel die „Spitzen“ des zu verbreitenden Audiosignals noch mal stark in unterschiedlichen Frequenzbereichen gekappt, um den Sound voluminöser und satter klingen zu lassen. Gerne machen davon insbesondere kommerziell ausgerichtete Sender Gebrauch. Für Tonio stellt das kein Problem dar.
Last, but not least, ein charmantes Phänomen: Die Informationen die Tonio sendet brauchen Geräusch, sie funktionieren bei Stille nicht… Für die meisten Radiosender bekanntermaßen ein überbrückbares Hindernis.

Sind der Übertragung Grenzen gesetzt? Ja, nämlich dort, wo das menschliche Gehör auch nichts mehr verstehen würde, wenn etwa die Nebengeräusche beim Radiohören zu laut sind.

Die Schlüsselfrage für die Entwicklung von Tonio war: Wenn Informationen über das Radiosignal übermittelt werden können, was soll das sein? Von Anfang an war klar, dass die Verlinkung zu Informationen, die online abrufbar sind, das mächtigste Instrument und den größten Mehrwert liefern. Weil damit den Ideen des Radiosenders keine Grenzen gesetzt sind: Ob es der Link zu einer Website (z.B. die aktuelle Hochrechnung in einer Wahlberichterstattung) ist, die oft komplizierte URL zu einem YouTube-Video oder der Livestream in ein Studio darstellt, ob es eine App oder ein eBook zum Download oder ein Ticket (etwa für ein Konzert) oder die Status-Meldung auf Facebook zum Liken ist. Mir bereitet die Vorstellung, dass wir uns noch gar nicht alle Einsatzmöglichkeiten ausmalen, großes Vergnügen. Wer weiß, vielleicht gibt es eines Tages eine Quizshow im Radio, bei der man vor dem Radio sitzt, die live übermittelten Fragen am Smartphone beantwortet und die schnellste Teilnehmerin in der Show telefonisch zugeschaltet wird? Die Gretchenfrage der Killeranwendung ist dabei natürlich bereits jetzt zu beantworten: Den Durchbruch von Tonio werden Gewinnspiele bringen.

Der eigentlich Gewinn für den Radiosender bietet Tonio, weil damit über das Radioprogramm das visuelle Angebot am Smartphone des Hörers quasi synchronisiert wird. Das Handy wird damit zum Bildschirm für das Radiogerät, ohne dass man ein neues Radiogerät kaufen muss. Der Hörer bzw. die Hörerin erspart sich, das oft mühsame Eintippen bzw. die Suchmaschine und hat dabei die Gewissheit, die genau richtige Information zu beziehen, die der Radiosender ausgewählt hat. In weiser Voraussicht wage ich die Prophezeiung, dass Smartwatches wie die Applewatch damit einen besonderen Mehrwert erfahren.

Ich halte insbesondere die bequeme Anwendung für einen enormen Vorteil, der die Bereitschaft des Publikums erhöht, die Funktionen von Tonio zu nutzen. Clever eingesetzt, erlaubt sie dem Radiosender auch einen echten enormen Mehrwert – auch als Rückkanal to the people formerly known as audience. Für das – wie das heute so schön heißt – Ökosystem des Radiosenders bietet Tonio dabei auch einen weiteren Vorteil zu technisch denkbaren Alternativen (wie Push-Meldungen etc): Man muss den Radiosender tatsächlich hören, nur dann kann man die Information beziehen. Radiosender leben davon, die Verweildauer der Hörerinnen und Hörer zu erhöhen. Das ergibt einen größeren Marktanteil und schlägt sich dabei unmittelbar auf die Tarife und damit Erlöse des Radiosenders durch.

In Gesprächen mit Radiosendern weise ich gerne auch auf die Gefahr hin, die derzeit von Musikerkennungssoftware ausgeht. Sorgfältig kuratierte Inhalte wie einzelne Songs werden dabei vom Hörer, von der Hörerin bereits jetzt am Handy identifiziert und zum Kauf angeboten, wovon der Radiosender im Einzelfall gar nichts mitbekommt. Brisant dabei ist aber auch, dass meist auch Zusatzangebote als Alternative zum Radio sowie zusätzlich verkaufte Werbung offeriert wird. All das sind Erlöse, die am Radiosender vorbeispazieren.

Tonio bietet hier den Vorteil, dass ausschließlich der Absender des Audio-Signals, somit im Regelfall der Radiosender, die redaktionelle Hoheit über die Inhalte fürs Smartphone hat und darüber verfügt, worüber er informiert bzw. in welchen Musikstore er verlinkt. Im Ergebnis bietet die Nutzung der Tonio Services damit mehr als „nur“ den aktuellen Musiktitel.

Am Anfang war die Idee, erst viele Monate später der Name für die Marke. Die größte Challenge bei der Suche waren folgende selbst auferlegte Vorgaben, die bei neuen Markenentwicklung oft unterschätzt werden:

Ein eindeutiger und phonetisch eingängiger (weil über das Radio zu übermittelnder) Name, der in den App Stores leicht auffindbar ist.
Der in den wesentlichen Sprachen spanisch, englisch, deutsch, italienisch funktioniert.
Und der als .com-Domain organisierbar ist.

Der Kreativ- und Nachdenkprozess war durchaus mit Umwegen verbunden. Erste Ideen wieder verworfen, oder von anderen bereits als Marke geschützt (die sie nicht hergeben sollten oder schlicht auf Anfragen nicht reagierten). Der Heureka-Moment war ein ungewöhnlicher, im Ergebnis finde ich den Namen für mein unternehmerisches Baby mehr als herzeigbar. Für die gelungene grafische Umsetzung trägt Rudolf Zündel die Verantwortung, der alle Vorgaben meisterhaft umgesetzt hat und der Marke noch auf eine prägnante Weise die Erklärung untergeschoben hat: Tonio. Ton mit Information.

Die Voraussetzungen für einen weltweiten Standard sind damit gegeben, wenn auch die Vision kühn ist. Mein Vorbild ist Dolby®, im Fall von Tonio® als Qualitätsmerkmal für Radiosender, aber auch Smartphones. Dass der Weg über eine App einem Umweg gleichkommt, ist klar – auch wenn die Funktion natürlich auch in der App von Radiosendern integrierbar ist. Auch darauf gibt es eine Antwort: Vielleicht ist die Tonio eines Tages auch in Siri integriert? Das Gute ist: Tonio geht auch in Mandarin.

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Und was ich noch nicht erwähnt habe: Tonio geht natürlich über TV. Aber das ist eine andere Geschichte: Ihr müsst unbedingt gucken, wie es weitergeht.

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