Jan 17 2011

Ex (e-)Libris: Meine unendliche Odyssee zu elektronischem Lesestoff

Die hohe Weltliteratur ist bekanntermaßen an Geschichten über hindernisreiches Reisen nicht arm: Aber wer sich heute ein aktuelles deutschsprachiges E-Book gegen Entgelt im Ausland auf sein iPad runterladen will, erlebt einen facettenreichen Hürdenlauf, der die Geschichte von Odysseus - zumindest vorübergehend - als spontanen Weekend-Trip erscheinen lässt.

Hochtrabende Worte? Nein, ein ernüchternder Erfahrungsbericht.

Die Idee, die gesamte Urlaubslektüre in ein nicht mal DinA4 großes Lesegerät hineinzupacken, ist wohl vor allem für jene verführerisch, die wegen dicker (und vieler) Schwarten schon mal mehr für Übergepäck zahlen mussten als der Lesestoff neu kostet. Ein weiterer Vorteil: Spontane Leselust auf bestimmte Buchtitel lässt sich auch mit den Füßen im Sand bedienen (solange man online ist). Theoretisch.

Die Praxis zu Beginn des Jahres 2011 schaut anders aus: Während das bei englischsprachigen Büchern tatsächlich kein Problem ist, wird man auf der Suche nach käuflich zu erwerbenden deutschen Titel bald stutzig. Weder iBooks von apple, noch amazons Kindle-Store noch Google-Books helfen weiter, haben’s im Repertoire oder gewähren Zugriff. (Der Suchmaschinengigant gerne unter Verweis auf lokale Rechte.)

Eigenartig erscheint das, sind die Bücher in deutscher Sprache in elektronischer Form nämlich sehr wohl verfügbar. Findet man die Bücher endlich bei einem alternativen Online-Buch-Händler, registriert sich dort, hinterlegt seine Kreditkartendaten, dann, tja, dann geht der Hindernislauf erst richtig los.

Ohne auch nur ansatzweise im Vorfeld auf mögliche Probleme hinzuweisen (nachdem das Lesegerät auch Bestellgerät ist, wäre das technisch maßgeschneidert ohne viel Aufwand lösbar), nimmt die bekannte österreichische Buchhandelskette meine Bestellung und Zahlung unkompliziert entgegen, das bestellte Buch wird als Downloadlink bereitgestellt. Es lässt sich am iPad aber nicht runterladen. Es lässt sich nicht öffnen. Es erfolgt kein Hinweis.

Ein erstes Ausweichmanöver auf den Laptop vom iPad-Hersteller gestattet dann zumindest den Download. Man hat ja was gezahlt und auch in einer virtuellen Welt will man gefühlt was in Händen halten (= auf der Festplatte speichern).

Nur:
Öffnen lässt sich das Buch-File nicht. Mit keinem Programm. Neuerliches Durchstöbern der Buchhändler-Seite lässt als Motiv für einen Link zu einem Software-Hersteller die Vermutung aufkommen, hier findet man das entsprechende Programm zum Öffnen des ebooks. Überraschung! Der Download gelingt nicht. Zweites Ausweichmanöver im Rahmen des ersten Ausweichmanövers: Erst ein alternativer Browser entpuppt sich als gute Idee. Programm geladen, Registrierung mit Email und Passwort hinterlegt, Buch lässt sich öffnen. Aber: Am Laptop lesen? Das war nicht der Vater des Gedankens.

Naheliegende Schlüsselfrage: Wie bringt man nun das Buch auf das iPad? Naheliegende Antwort am Weg zur finalen Antwort: Die grosse bunte Suchmaschine muss herhalten und liefert nach Strapazen eine Perspektive. Eine weitere App aufs iPad, neu registrieren, auf der Website des App-Herstellers das Buch uploaden, am iPad die Daten des Buchleseprogramms (!) hinterlegen, in der App das Buch wieder runterladen.

He, das war doch nicht kompliziert, oder? Dreimal bei unterschiedlichen Anbietern die Email-Adresse hinterlegt, um ein Buch zu lesen.

Die Lektion von der Geschicht: Lese deutsche Bücher nicht (elektronisch).

PS. Das Gute ist, die neue Buch-App. hat einen Book-Store integriert. Warum es meine Kreditkarten nicht nimmt? Man erfährt es erst, wenn man googelt: Das geht ausserhalb Deutschlands nicht.


Jan 14 2011

Ein aufblasbarer Luftschloss-Traum in Sydney

Von aussen betrachtet vermutet man auf den ersten Blick - mit ein wenig Fantasie - eine Weltraumstation auf irdischem Boden. Quasi ein Beduinenzelt für den spacigen Weltraumnomaden der Neuzeit. Oder, treffender, ein fensterloses Trockentrainingsareal, um das Leben ohne Schwerkraft zu testen - oder gar ein Barbapapa-Dorf für das dritte Jahrtausend?

Als würde es gleich aus allen Nähten platzen, wäre es nicht so perfekt proportioniert mit seiner glatten, glänzenden silbergrauen Haut, präsentiert sich dieser Tage temporär dieses “Luftschloss” der britischen Gruppe Architects of Air vor dem Opernhaus in Sydney. Und der Blick unter diese Haut beflügelt die Fantasie Kinder und Erwachsener zugleich, entfaltet sich doch an diesem luftigem Bauwerk beispielhaft Kraft und Magie gelungener Architektur, wenn sie vertraute Grenzen überschreitet.

Der Clou: “Getragen” wird die Konstruktion durch - ähem - Luft. Ein wenig so als würde man in einen überdimensionalen Luftballon reinklettern und drinnen herumspazieren. Aber auch wenn Luft dabei das tragende Element ist, sind es nicht Luftpolster als Böden und Wände, die für Stabilität sorgen (wie bei einer Hüpfburg), sondern gewissermassen der Luftdruck innen, über selektiven Zufluss gesteuert.

Die nur wenige Millimeter dünne Plastikfolie erlaubt dabei variantenreich unterschiedliche Farbschattierungen, die sich die Bauherren souverän zu Nutze machen: Ausschließlich Tageslicht illuminiert das Innere, gekonnt bunt zu unterschiedlichsten Farbschattierungen und Mustern vereint. Die Architekten selbst sprechen daher bei ihrem Werk gerne auch von einem “Luminarium”.

Was sich aufdrängt: Wenn auch angesichts gefühlter Fragilität der Vergleich mit einem Zelt berechtigt erscheint - einzelne Räume werden per Reißverschluss zusammengehalten - unterstützt der Lichteinsatz zugleich Erinnerungen an Innenräume von Kathedralen und Moscheen.

Dem staunenden Gast präsentiert sich dabei innen die labyrinthartige Installation entsprechend auf eine sinnliche und berührende Weise als beinah perfekte Welt, psychedelisch gefärbt, gekonnt mit sphärischen Klängen untermalt, die es - barfuss oder mit Socken - erst zu entdecken gilt und gleichzeitig zum Ausruhen einlädt. In den vielen Gängen und runden Räumen begegnen einem respektvoll lustwandelnde oder einfach lächelnd am Boden liegende Besucherinnen und Besucher, den Blick versonnen auf diese perfekte Ästhetik gerichtet. Zum Hier-Wohnen fehlen dann nur mehr die entsprechenden Möbel, am besten auch aufblasbar…