Apr
18
2003

Träume man von einem mobilen Leben - wie ich sie hege - haben einen kleinen Nachteil. Arbeit zu erledigen gibt es auch dort, wo Meer ist. Jeden Tag einige Stunden schreibe ich hier an einem juristischen Schriftsatz. Das Motiv dafür ist auch ein Traum, mehr eine Vision: Eines Tages wird Österreich vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verurteilt werden, weil es gegen Medienkonzentration nichts unternommen hat. Vor allem, aber nicht nur, am Radiomarkt. Meinen Beitrag dazu leiste ich von hier aus. Im Hintergrund smoothige elektonische Klangwellen lassen die grauen Zellen brodeln. Am Ende hat es den Umfang einer wissenschaftlichen Arbeit. Der Urlaub kann beginnen.
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Apr
18
2003
Wir begrüßen in unserer trauten Runde W. und seine Freundin S. aus D. Beide sind in der Nacht angekommen, können noch immer nicht fassen, wie schmal die Autostraße war, die sie hier her führte. Zitat: „Wenn uns da jemand entgegengekommen wäre, ausweichen wäre auf fünf Kilometern undenkbar gewesen“. Eine Stunde für 23 Kilometer… Wir lauschen entspannt.
Meine Freundin K. aus Wien mailt: Sie glaubt, der Café schmeckt immer nur so gut, wie es einem geht. Uns dürfte es hier über alle Maßen gut gehen. Gegenthese: Zumindest schlechter Café kann einem die Laune verderben…
Heute mit dem Zug nach Monterosso. Wir verwöhnen uns wieder mit Antipasti aus Fischgerichten und als Hauptspeise Tagliarini con scampi tartufo e rucola, dazu Chardonnay aus Friaul. Sensationell. Es war nicht unser letztes Abendmahl. Dennoch tun wir Buße und wandern zurück. Zwei Stunden Fußmarsch entlang der Küste, vorbei an Zitronenbäumen, Weinbergen und Olivenhainen.
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Apr
15
2003
Neue Gäste kommen und gehen, wir bleiben. Zum Frühstück sitzen alle an einem großen Eichentisch und werden bewirtet. Fixes tägliches Gesprächsthema am Beginn des Tages: Jeder erzählt seine Story, wie er denn dieses versteckte Plätzchen ausfindig gemacht hat. Wenig überraschend: ohne Internet wäre wir alle nicht hier. Dazu muss man sich folgendes vergegenwärtigen: Kein Schild, kein Wegweiser führt zu diesem Platz. Jeder Ankömmling, der auf Basis der Informationen aus dem Internet den felsigen Hügelweg erklommen hat, ist bis zum letzten Moment verunsichert, ob er nicht jetzt doch in ein privates Grundstück eingedrungen ist und am falschen Haus klopft. Erschöpfung vermischt sich dann jedes Mal mit gewaltiger Erleichterung, für Aussenstehende bietet sich damit jedes Mal aufs Neue ein beeindruckendes Mimenspiel.
Das Erkunden der Gegend ist mittlerweile fixer Bestandteil unseres Tagesablaufs. Variantenreich meist die Kombination aus Hinfahrt und Rückweg, bieten sich doch Zug, Schiff und per Pedes an: der eineinhalbstündige Fußmarsch nach Corniglia gestattet einen ersten Einblick, wie beliebt dieses Reiseziel ist, gerade in den Osterferein. Bitter wird es auf diesen schmalen Pfaden, wenn einem eine Busfuhr entgegenkommt: Während man sich eng an die Felswand klammert, stapfen nach einander mindestens 40 Personen vorbei. Deutsche Gruppen erkennt man daran, dass sich jeder bemüssigt fühlt, einen blöden Witz zu machen, wie viele denn noch kommen. Klingt jetzt bissig, aber der Blick auf die Küstenlandschaft und das Meer trösten über alles hinweg. Gegrüßt wird auf den Pfaden übrigens in allen Sprachen, außer italienisch – das scheint am wenigsten wahrscheinlich.
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Apr
15
2003
Der Weg runter von unserem Hügel in den Ort wird zur Grundsatzentscheidung. Man legt ihn wohl nur einmal am Tag zurück. Und es ist auch eine Entscheidung für kontrastierende Hektik, permanenten Lärmpegel sowie dafür, Menschenmassen um sich zu haben. Laut denke ich nach, wieviele kriegerische Auseinandersetzung über die Vorherrschaft hier geführt wurden. Und dennoch war nicht zu verhindern, dass sich nun offensichtlich Österreicher, Deutsche und verblüffend viele Amerikaner das Land Untertan gemacht haben. Ich tröste M. mit „europäischer Vielfalt“, sie ist dafür, murmelt aber davon, sie hätte gerne die Vielfalt exklusiv. Beim Bäcker kaufen wir Focaccia, ligurische Spezialität zum Frühstück (am besten mit Honig). Das Wechselgeld spricht Bände: auf 3 deutsche Euromünzen kommen 1 Italiener und 1 Österreicher…
Unser spätes Mittagessen besteht schon zum zweiten Mal aus Antipasti mit Fischgerichten für 2 Personen. Unschlagbare Vielfalt auf kleinen Tellerchen, mit viel Öl. Dazu (und jetzt notieren) Hauswein, zu unserer Überraschung tatsächlich immer wieder die passende Begleitung. Am Weg zum Supermarkt freilich Espresso; die Bar kann noch so grindig sein, noch so beleidigende Musik leiern, der Kaffee ist hier einfach immer, immer gut.
Zum Abendessen packen wir unsere vollgeräümten Einkaufstaschen aus: Es gibt Orangen-Oliven-Salat mit roten Peperoncino und Öl, sowie Parmegiano, Pecorino und der Namen für den dritten Käse ist mir ob der kulinarischen Sinnlichkeit wohl entfallen.
Ist immer schwierig in Berichten nach Hause das Rauschen des Meeres zu erwähnen. Wirkt so abgelutscht, von Kitsch triefend. Und dennoch: Auf der Terrasse des Hauses ist es das einzge was neben dem Sonnenlicht durch das Dickicht der Bäume zu uns durchdringt, etwa hundert Meter entfernt untermalt es das Urlaubserlebnis. Quasi Soundtrack. Nur manchmal durchbrochen durch das gluckernd-blubbernde Geräusch eines Schiffsmotors auf dem Weg zu seinem Hafen in Vernazza. Auch das gehört dazu.
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